Diese Webseite nutzt Cookies, Statistiksoftware und Externe Medien

Diese Webseite nutzt Cookies, Statistiksoftware und Externe Medien

Einstellungen gespeichert

Das Dharmarad

22. Jun. 2026

Wenn die Sonne kraftvoll und stetig am Firmament auf- und niedersteigt, dann erahnen wir eine erste urtümliche Eigenschaft des meist achtspeichigen Dharmachakra (chakra=Rad). Es geht um Herrschaft des Lichts, um Beständigkeit, Unerbittlichkeit vielleicht, um wohltuende Wärme. Auch um Beweglichkeit, die Sonne steht nicht still. Und es geht um Klarheit, die Sonne ändert ihren Ausdruck, ihre Form nicht.

Das mehrere tausend Jahre alte solare Symbol – auf Tonziegeln der altindischen Harappa-Kultur gefunden – bekam im buddhistischen Kontext eine radikale Bedeutung. Nicht der lebensschenkende, sondern in einem durchaus unbequemen Sinn der feurige Aspekt der Sonne wurde zentral.

Der Buddha drehte, wie das traditionell heisst, das Rad der Lehre (=Dharma). D.h. er hielt die ersten Lehrreden für die Überwindung der Unzufriedenheit, für die Weisheit einer ausgewogenen spirituellen Ausrichtung, für die Notwendigkeit eines Ausstiegs aus dieser Welt. Im Tibetischen heisst das Dharmarad chos-kyi ‘khor-lo, das bedeutet wörtlich Rad der Transformation und führt uns damit in ein klares Verständnis des Ziels des Dharma. Es geht um die Umwandlung unserer Erfahrung von der Welt und von uns selbst.

Diese Wandlung passiert nicht einfach so, wir müssen selbst dafür besorgt sein und zwar äusserst kraftvoll und unmissverständlich. Da weist uns auch der vedische Gott Vishnu den Weg: dieser hat als eines seiner vier Attribute einen sechsspeichigen Diskus. Dieses Rad (Sudarchanachakra) ist ein todbringendes Kampfobjekt, in der Radmitte oft ein Loch, in welchem ein Seil geschlungen ist. Das Rad wird geschwungen und bringt gezielt mit seinen scharfen Speichen und dem gezackten äusseren Rand Gegner den Tod. Unwiderruflich. Unerbittlich. Bei Vishnu symbolisiert das Rad die Welt der Phänomene, welche im beständigen Wandel sind.

Im buddhistischen Kontext werden scharfe Klingen in einem übertragenen Sinne meist mit dem Abschlagen des Geistes in Verbindung gebracht. Es geht darum, unserer Unwissenheit den Garaus zu machen. Es geht darum, wach zu werden. Der Realität ins Auge zu blicken, dass unsere Sucht nach fixierenden Bedeutungszuschreibungen – so und so ist das und nicht anders –, die Gier auch nach kurzfristiger Befriedigung – es ist heiss, also brauche ich ein Eis –  uns letztlich am Leben hindert.

 

Die verschiedenen Bedeutungsebenen des Dharmarads sind zahlreich. So können wir analog der vielen Belehrungen des Buddha für uns diejenige Bedeutung nutzen, die uns tief im Herz anspricht. Auf der traditionellen Ebene verweisen die acht Speichen des Rads auf den achtfachen Pfad, das ist die vierte edle Wahrheit des Buddha. Während die erste edle Wahrheit unsere Unzufriedenheit und unser Leiden konstatiert. Kaum geht’s uns vermeintlich gut, kommt die Unzufriedenheit um die Ecke. Warum? Unsere Anhaftung an das Leben, an die persönlichen Erfahrungen – schöne oder schwierige. Das ist die zweite edle Wahrheit, der Grund für die potentielle Unzufriedenheit. Die dritte edle Wahrheit schliesslich ist eine simple frohe Botschaft, wir können aussteigen. Und die vierte edle Wahrheit ist dieser konkrete, achtfache Weg des Ausstiegs. Differenziert sind das die zwei Fundierungen der Weisheit des Geistes, konkret die ungeschönte Erkenntnis sowie die klare Absicht. Die nächsten drei Aspekte sind die des moralischen Tuns: wohlwollende Sprache, aktives ethisches Handeln und ein rechtschaffender Lebenserwerb. Schliesslich ist die sogenannte Vertiefung dreifach beschrieben: beständiges Üben und Dranbleiben, eine achtsame Haltung und eine wache Meditationspraxis.

Wir erkennen im Dharmarad auch das Grundmandala mit einer Mitte und den acht Himmelsrichtungen und der äusseren Umrandung, welche traditionell feurig und wässerig und geerdet, unwiderruflich und geschmeidig und bodenständig zugleich ist.

Schliesslich wird auch der subtile körperliche Aspekt unserer Transformation beschrieben. In der bildlichen Darstellung sehen wir manchmal kleine Wirbel an den äusseren Enden der Speichen, das verweist im tibetisch-buddhistischen Kontext auf den Wind lung, unser Geist bleibt zielgerichtet, eiert nicht herum, dadurch fliesst das subtile Bewusstsein frei. Die Nabe des Rades kann als Herzchakra gesehen werden, von dem die acht Blütenblätter, die acht nadis im feinstofflichen Körper ausgehen.

Wenn wir ungeschützt einen Tag unter der heissen Sonne sind, bekommen wir einen Sonnenbrand. Es braucht dann Salben und Schatten, Ganzkörperbedeckung und Geduld. Gibt es einen Schutz vor der Sonne des Dharma? Nur indirekt, nämlich das Wegschauen, das Ignorieren, das Missachten der Wahrheit. Der Terminus Technicus für dieses Wegschauen heisst Unwissenheit. Diese Unwissenheit ist aus unserer Faulheit geboren, wer mag sich schon mit diesen Ursachen unserer latenten Unzufriedenheit vertieft auseinandersetzen? Das gibt ja noch mehr Frust. Kaum haben wir etwas Glück erhascht, ist es wieder weg. Und das soll mit uns selbst zu tun haben und nicht mit meiner Arbeitgeberin, die das neue Arbeitszeitmodell entwickelt hat? Mein Mann soll nicht schuld sein an meiner getrübten Stimmung wegen seines immerwährenden Rummeckerns, sondern ich, weil ich das als Rummeckern erlebe?

Es bleibt der Kampf mit sich selbst, nicht mit einem äusseren Feind. Das Dharmarad erinnert uns daran, unerbittlich gleissend und gleichzeitig wertvoll in seinem Bedeutungsgeflecht. Der Legende nach soll das Dharmachakra aus reinem Gold im Gewässer unserer Welt gefunden worden sein. Von Anbeginn an.

6. Feb. 2026

Lächeln im Geist

Lächeln im Geist

Da geht es um Gelassenheit. Letztlich. Doch erstmal geht es um Differenzierung: Vier Möglichkeiten mit unserem Geist und seinem ungestümen Wirbeln aktiv zu spielen, sind zentral (beim Thema 'Lächeln im Geist'): Erstens: Die Steuerung…

29. Dez. 2025

Achtsam hässig

Achtsam hässig

Hässig, ärgerlich, schlecht gelaunt, grantig. Kraftvolle Stimmungen, aber oft etwas verhalten. Heimlich sozusagen. Weil ich die Faust im Sack mache und still und vorsichtig bin, also sozusagen achtsam, keineswegs polternd laut. Dürfen…

10. Okt. 2025

Nichthaftigkeit-Offenheit

Nichthaftigkeit-Offenheit

Nur die ‚Reine Sicht‘ der Buddha-Natur von den fühlenden Wesen gilt als unverfälscht. Jede andere Sicht wird getrübt durch Konzepte, Vorstellungen, unsere persönliche Geschichte und Fixierungen.  … Trotzdem urteilen wir ständig. Und das…